3 Gründe, warum Menschen mit ADHS "lügen" und 1 klare Lösungs-Anleitung für einen gesunden Umgang

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Sind wir Menschen mit ADHS wirklich Lügner?


Als ADHS Coach höre ich den Vorwurf andauernd von neurotypischen Angehörigen: ihre Liebsten mit ADHS würden lügen. Auch die Betroffenen berichten mir davon. Einerseits von den (haltlosen?) Anschuldigungen, die sie zu hören bekommen. Andererseits von Situationen, in denen sie tatsächlich nicht ganz ehrlich waren.


Was steckt dahinter?


Ein schlechter Charakter, wie gewisse Elternteile und PartnerInnen suggerieren?


Ganz. Bestimmt. Nicht. Jedenfalls nicht in all den Fällen, die mir begegnet sind. Ich zweifle manchmal eher ein wenig am Charakter der Anschuldigenden.


Ich habe drei klare Gründe identifiziert, warum Menschen mit ADHS "lügen".


Und daraus eine Schritt-für-Schritt Anleitung für einen gesunden Umgang erstellt - für Betroffene und ihr Umfeld.


Für weniger Vorwürfe, mehr Sicherheit, Klarheit, Vertrauen und Selbstvertrauen.

Kind mit ADHS Lügen aus Scham Vergesslichkeit Unaufmerksamkeit

"Lügen"-Grund 1: Vergesslichkeit und mangelndes Zeitgefühl


Der erste Grund, warum wir Menschen mit ADHS "lügen": wir lügen gar nicht - wir sind absolut aufrichtig.


Nur führt unsere Absicht (Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit) oft nicht dazu, dass wir die Wahrheit sagen. Die eine echte Wahrheit gibt es sowieso nicht. Aber das führt hier zu weit. Der Punkt ist: die Absicht stimmt, der Inhalt nicht. Wie kommt das?


Bei ADHS ist das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigt.


Dazu kommen ein mangelndes Zeitgefühl und oftmals Schwierigkeiten, die Reihenfolge zu erinnern, in der Dinge passiert sind.


Somit erzählen wir oft Käse, vor allem unter Druck und Stress, in der vollen Absicht, aufrichtig zu sein. Noch während wir sprechen bemerken wir manchmal, dass wir uns gar nicht sicher sind, ob wir uns richtig erinnern. Diese Unsicherheit kann das Gegenüber bemerken und als Signale für Lügen auffassen. Wenn wir das wiederum bemerken, steigt unser Stresspegel und wir erinnern uns noch schlechter, werden noch unsicherer. Und schon haben wir den Salat.


Somit ist der erste Grund für ADHS "Lügen": wir erinnern uns nicht ausreichend.


"Lügen"-Grund 2: Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit


"Du hörst mir nie zu!" - wenn wir die Information erst gar nicht mitbekommen haben, gibt es auch nicht zu erinnern.


Aufgrund unserer Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit bekommen wir vieles gar nicht erst mit. Und was es nicht in unser Bewusstsein schafft, kann auch nicht wiedergegeben werden. Besonders frustrierend wird das, wenn die von ADHS betroffene Person sich nicht bewusst ist, dass sie vieles nicht mitbekommt.


Der zweite Grund für ADHS "Lügen": die Information hat unser Bewusstsein und somit unser Gedächtnis nie erreicht.


Lügen-Grund 3: Scham und schlechtes Gewissen


Menschen mit ADHS lügen jedoch tatsächlich und zwar aus Scham und schlechtem Gewissen. Oder anders gesagt: wir verbergen Dinge oder erfinden Ausreden.


Aufgrund unserer ADHS Symptome Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität verbocken wir so einiges. Dazu kommen unsere Probleme mit der Gefühlsregulation. Wir schämen uns oftmals wie verrückt für unsere Fehltritte bzw. für all das, was wir vergessen haben und damit unser Umfeld enttäuscht haben. Ich habe selbst schon gesagt: wenn man sich tatsächlich zu Tode schämen könnte, wäre ich schon lange nicht mehr hier.


Die Lügen sind oftmals nicht aktiv, sondern passiv, es werden also eher relevante Informationen verschwiegen als aktiv Unwahrheiten erzählt.


Viele von uns Menschen mit ADHS sind grottenschlechte Lügner, wenn wir bewusst und aktiv lügen.


Aktive Lügen sind auch viel zu "gefährlich". Denn das Risiko ist riesig, dass wir uns nicht erinnern, was wir gesagt haben und die Lüge auffliegt. Und die Scham dann noch unerträglicher wird.


Eine klassische aktive Lüge ist, wenn jemand mit ADHS etwas noch nicht erledigt hat, aber die Absicht hat, es unverzüglich zu tun und angibt, es sei bereits geschehen. Und es dann doch vergisst. Und sich dann irgendwann erinnert oder ertappt wird und dann geht die Schamspirale los (weil wir uns und unser Gegenüber schon wieder enttäuscht haben).


Und dann suchen wir Ausreden.


Was ist mit den Menschen mit ADHS mit oppositionellem Verhalten?


Selbst die Gefühlsunterdücker und Rebellen, die angeben, keine Scham zu kennen: euer ihr-könnt-mich-alle-mal oder es-ist-mir-alles-egal oder ich-brauche-niemanden Verhalten kommt meiner Erfahrung nach von den unterdrückten Schamgefühlen.


Oppositionellem Verhalten und aktivem Lügen liegt oftmals eine unerträgliche Scham zugrunde.


Der dritte Grund für ADHS Lügen ist somit: die Wahrheit ist unerträglich, weil wir uns so unglaublich dafür schämen. Deshalb versuchen wir, sie bestmöglich zu verbergen. Teils sogar vor uns selbst. Es geht auch hier mehr ums Verbergen und um Ausreden als ums Lügen.


Lösungs-Anleitung für ADHS Betroffene und ihr (neurotypisches) Umfeld


Was wäre, wenn wir den (verschwommenen, verstrickten) Tatsachen ins Auge blicken und sie anerkennen würden?


Schritt 1 für Betroffene: Umgang mit Vergesslichkeit und mangelndem Zeitgefühl


Schritt 1.1: Selbstakzeptanz

  • du bist dir bewusst, dass du dich oftmals nur verschwommen erinnerst?

  • und dass es dir wahrscheinlich schwerfällt, die Zeitabfolge richtig zu erinnern?

  • dass es für dich primär "jetzt" und "nicht jetzt" gibt?

  • dass Druck und Stress das Erinnern noch mehr erschweren?

  • und dass das keine Charakterschwächen sind, sondern schlicht und einfach eine Folge deines ADHS?

  • bist du dir bewusst, dass dich deine Vergesslichkeit teils an deiner Erinnerung/ Intelligenz/ kognitiven Gesundheit zweifeln lässt, was sehr verunsichernd sein kann?

Schritt 1.2: Verantwortung übernehmen mit ADHS

  • die Selbstakzeptanz lässt uns ins Handeln kommen und Verantwortung übernehmen

  • welche Tricks verwendest du, um dir das erinnern zu erleichtern?

  • erlaub dir, dein Gegenüber zu unterbrechen und eine kurze Gesprächspause zu erbitten, bis du dir Notizen machen kannst

  • viele von uns scheitern am Perfektionsanspruch an uns selbst - wir wollen Dinge "ordentlich" notieren, an einem Ort, es "richtig" machen

  • stattdessen notieren wir dann gar nichts und kommen keinen Schritt weiter

  • die Lösung: lieber halbbatzig und chaotisch als gar nicht

  • mach es dir so einfach wie möglich, beispielsweise so:

  • schick dir eine Sprachnachricht

  • verwende eine Notizenapp

  • lass deine Sprachnachrichten zu Text transkribieren

  • hab überall (Post-It) Zettel und Stifte zur Hand

  • schreib auf Kassenzettel, Papierservietten, deine Hand, sei halt kreativ, wenn dir ein Zettel fehlt

  • leih dir einen Stift, wenn du unterwegs keinen zur Hand hast

  • gib nicht auf, wenn du strauchelst, wir sind nicht konsequent (dieser Post gibt Tipps für den Umgang damit), steh einfach wieder auf und mach weiter

Schritt 1.3: Ist dein Umfeld Teil der Lösung oder Teil des Problems?

  • dieser Schritt macht erst nach den vorherigen Schritten Sinn - wir fangen bei uns an und schauen erst dann nach aussen

  • unser Umfeld kann uns unterstützen, wenn es uns versteht und uns unsere Vergesslichkeit und unser mangelndes Zeitgefühl nicht vorwirft

  • evtl. können neurotypische oder weniger stark von ADHS Betroffene gewisse Dinge übernehmen, die uns besonders schwer fallen - aber Achtung, das geht nur, wenn wir dafür anderes übernehmen (wie mit den Kindern toben, kreative Lösungen finden, etc.) - sonst kann ein Ungleichgewicht entstehen, das toxisch ist

  • nun noch zu einem heiklen Punkt: da wir in unserer Erinnerung oft sehr unsicher bzw. verunsichert sind, macht uns das extrem verletzlich gegenüber jenen (seltenen) Mitmenschen, die dies bewusst ausnützen. Auf Englisch nennt man das "Gaslighting" - wenn eine Person bewusst und konsequent das Erleben eines anderen Menschen in Frage stellt, um diesen Menschen zu destabilisieren, teils bis zum Zusammenbruch. Solltest du in solch einer Situation stecken, hol dir bitte unverzüglich professionelle Hilfe.

Schritt 1 fürs Umfeld: Umgang mit Vergesslichkeit und mangelndem Zeitgefühl


Schritt 1.1: Akzeptanz

  • du bist dir bewusst, dass Menschen mit ADHS tatsächlich ein schlechtes Arbeitsgedächtnis, ein mangelndes Zeitgefühl und Probleme, sich an die Abfolge von Ereignissen haben

  • du akzeptierst das "ich weiss es nicht" deines Gegenübers mit ADHS und zweifelst es nicht an (oder gar am Charakter deines Gegenübers)

  • du unterstellst der Person mit ADHS nicht Manipulation, Taktieren oder bewusste Gemeinheit (ausser du hast objektiv Grund dazu, dann möchtest du dir vermutlich Hilfe holen, um die Beziehung mit einer Fachperson zu besprechen und sicher zu verlassen)

  • du bist dir bewusst, dass Menschen mit ADHS sich allgemein für ihre Vergesslichkeit schämen

  • wenn dein Gegenüber um eine Gesprächspause bittet, um zuzuhören oder Notizen machen zu können, folge bitte dem Wunsch

Schritt 1.2: Verantwortung übernehmen

  • das Leben mit jemandem mit ADHS kann sehr anstrengend sein - sorge gut für dich und übernimm Verantwortung für dein Wohlbefinden

  • da dein Gegenüber offensichtlich vergisst - achte bitte darauf, dass du daraus niemals Profit schlägst, auch nicht ausnahmsweise, denn das zerstört die Beziehung (und es passiert häufiger, als wir uns eingestehen wollen)

Schritt 1.3: Teil der Lösung sein

  • Stress und Druck lässt dein Gegenüber blockieren - nimm bitte beides aus der Interaktion so gut du kannst

  • wenn du dich und dein ADHS Gegenüber als Team anschaust, welche Dinge kannst du übernehmen, die dir leichter fallen als der Person mit ADHS? Was kann dafür dein Gegenüber übernehmen, was dir besonders schwerfällt? Es ist wichtig, dass es sich fair anfühlt

Schritt 2 für Betroffene: Umgang mit Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit


Schritt 2.1: Selbstakzeptanz

  • du bist dir bewusst, dass du vieles nicht mitbekommst, weil du unaufmerksam oder abgelenkt bist?

  • du weisst, was dich besonders stark ablenkt, beispielsweise dein Handy?

  • du weisst, wann du besonders unaufmerksam bist, beispielsweise weil du hungrig, durstig, noch nicht ganz wach oder schon wieder sehr müde bist?

  • du kennst und erkennst die Emotionen, die dich so vereinnahmen, dass du nichts anderes mehr wahrnimmst (beispielsweise die Wut darüber, ungerecht behandelt worden zu sein)?

  • du weisst, wie lange du realistischerweise aufmerksam zuhören und interagieren kannst und was dich dabei unterstützt (kleine repetitive Bewegungen, hin und her laufen, Kaugummi kauen, mit einem Fidget Toy spielen, etc.)

  • du bist dir selbst gegenüber ehrlich: verwendest du manchmal deine Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit, um potentiell unangenehmen Interaktion zu entfliehen?

Schritt 2.2: Verantwortung übernehmen mit ADHS

  • auch hier: die Selbstakzeptanz lässt uns ins Handeln kommen und Verantwortung übernehmen

  • leg das Handy weg. Ernsthaft. Nein, du bist nicht die Ausnahme, die das Teil im Griff hat. Leg es weg.

  • erlaub dir, dein Gegenüber zu unterbrechen und eine kurze Gesprächspause zu erbitten, um beispielsweise etwas zu trinken, zu essen, bis du aufmerksam sein kannst (nicht um mit deinem Handy aufs Klo zu verschwinden und dem Gespräch auszuweichen)

  • wenn du von einer Emotion vereinnahmt bist, kümmere dich erst (und sofort) aktiv darum, wieder ins Hier und Jetzt zurückzukommen (die Tipps aus dem Post übers Grübeln können helfen)

  • welche Hilfsmittel unterstützen dich beim Zuhören? Schau, dass du sie möglichst leicht zur Hand hast

  • bitte dein Gegenüber, einen Timer stellen zu dürfen - in diesem Zeitraum bekommt ihr beide gleich viel Redezeit und danach eine Pause (ebenfalls mit Timer) - danach führt ihr das Gespräch auf die gleiche Art weiter - so kannst du aufmerksam bleiben

  • entschuldige bitte, aber nur weil du ADHS hast, heisst das nicht, dass dein Gegenüber sich für dich immer besonders kurzfassen muss - es ist für unsere Beziehungen wichtig, dass wir reden können, wie uns der Schnabel gewachsen ist - wenn du Pausen brauchst, kein Problem, fordere sie ein, aber du hast kein Recht darauf, alles als "Executive Summary" zu erhalten

Schritt 2 fürs Umfeld: Umgang mit Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit


Schritt 2.1: Akzeptanz

  • du bist dir bewusst, dass Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit einen grossen Teil der Beeinträchtigungen durch ADHS ausmachen

  • du akzeptierst das "ich hab keine Ahnung, von was du sprichst/ich hab das noch nie gehört" deines Gegenübers mit ADHS und zweifelst es nicht an (oder gar am Charakter deines Gegenübers)

  • du unterstellst der Person mit ADHS auch hier nicht nicht Manipulation, Taktieren oder bewusste Gemeinheit (ausser du hast objektiven Grund dazu, dann ist wie gesagt vermutlich Hilfe einer Fachperson angezeigt)

  • du bist dir bewusst, dass Menschen mit ADHS sich allgemein für ihre Verpeiltheit schämen

  • wenn dein Gegenüber um eine Gesprächspause bittet, um zuzuhören oder Notizen machen zu können oder einen Timer einsetzen möchte, um zuhören zu können, folge bitte dem Wunsch

  • wenn die Person mit ADHS "komische" Dinge tut, wie mit dem Fuss wippen, kippeln, Kaugummi kauen, stricken, mit einem Fidget Spielzeug spielen, lass sie oder ermutige sie sogar dazu, es hilft aufmerksam zu bleiben

Schritt 2.2: Verantwortung übernehmen

  • wenn du dein Gegenüber mit ADHS ansprichst, achtest du darauf, ob es überhaupt zuhört/zuhören kann oder gehst du davon aus, dass das "automatisch geschehen müsste", weil du ja sprichst? Das geht nicht automatisch.

  • die Antwort "mmhm" auf die Frage "hörst du mir zu?" heisst nicht, dass jemand mit ADHS tatsächlich zuhört

  • Augenkontakt, Berührung, Nachfragen ob die Person mit ADHS zurzeit aufnahmefähig ist, sind Wege, wie du aufmerksames zuhören erleichtern kannst

  • erlaube oder schaffe immer wieder Pausen im Gespräch, in denen z.B. durch Bewegung die Aufnahmekapazität regeneriert werden kann

  • wenn dein ADHS Gegenüber von dir standardmässig verlangt, dass du dich besonders kurzfasst, also nur in Kurzzusammenfassungen sprichst - halte dagegen, mute dich zu. Mit den notwendigen Kurzpausen darfst du durchaus auch mal richtig ausführlich erzählen - du kannst dich nicht immer zurücknehmen, das ist ungesund.

Schritt 3 für Betroffene: Umgang mit Scham und schlechtem Gewissen


Schritt 3.1: Selbstakzeptanz


Jetzt sind wir beim richtig harten Brocken angelangt, aber hier lässt sich auch richtig viel rausholen. Also lies bitte weiter.

  • bist du dir bewusst, wie sehr und oft du dich schämst, beispielsweise weil du Dinge vergisst, es nicht gebacken bekommst, verpeilt bist und dadurch dich selbst und andere Menschen enttäuschst?

  • je besser du dein ADHS verstehst, desto leichter ist es, einen liebevolleren Umgang mit dir selbst zu entwickeln - siehe dazu auch den Post zu Selbstakzeptanz und über die vielen Eigenheiten bei ADHS mit Stärken und heftigen Herausforderungen

  • du bist nicht defekt - rede das weder dir selbst ein noch lass es dir von deinem Umfeld einreden

Schritt 3.2: Verantwortung übernehmen mit ADHS

  • dein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, wie viel von deiner ToDo-Liste du abgearbeitet bekommst - steh für dich ein, steh zu deinen Schwierigkeiten, statt zu lügen - es ist zwar vielleicht kurzfristig unangenehmer, aber langfristig setzt es viel Energie frei

  • du hast gelogen, wurdest ertappt und fühlst dich schrecklich? Sorge dich um dich selbst. Achte darauf, nicht in der Spirale negativer Gedanken abzutauchen - diese Tipps können helfen. Und sobald du kannst, tritt mit dem Menschen, den du enttäuscht hast in Kontakt und tue etwas, das der Beziehung dient.

  • denkst du "ihr könnt mich alle mal" oder "es ist mir alles egal" oder "ich brauche niemanden" oder "ich lasse mir von niemandem etwas sagen" und lügst deshalb, vielleicht sogar häufig? Das ist eine unglaublich anstrengende Art zu leben. Menschen brauchen Menschen und reziproke Beziehungen. Bitte such dir die Hilfe einer Fachperson. Du hast ein leichteres Leben verdient. Wir können uns in jedem Alter ändern. Wirklich.

Schritt 3 fürs Umfeld: Umgang mit Scham und schlechtem Gewissen


Schritt 3.2: Akzeptanz


Hast du Widerstände, wenn du hier Akzeptanz liest? Versteh ich. Dieser Punkt ist richtig heftig, aber hier liegt viel Potenzial. Und die Möglichkeit für deutlich weniger Leiden. Also lies bitte weiter.

  • ich sage nicht, dass du die bewussten Lügen und Ausreden einfach akzeptieren sollst. Doch wenn du verstehen kannst, dass diese aufgrund von (bodenloser) Scham geschehen und beispielsweise nicht, weil die Person mit ADHS dich nicht respektiert oder liebt oder ernst nimmt, kann das die ganze Situation entspannen.

Schritt 3.2: Verantwortung übernehmen

  • du ärgerst dich über die bewussten Lügen? Du bist (wie so oft) enttäuscht? Verständlich. Was tut dir jetzt gut? Was liegt in deiner Hand? Wie kannst du für dich sorgen in diesem Moment? Denn von der Person, die du gerade beim Lügen ertappt hast, wirst du zurzeit keine Unterstützung erfahren, denn die ist grad in der Schamspirale und voll mit den eigenen miesen Gefühlen beschäftigt.

  • wenn der Mensch, der dich angelogen hat, wieder auf dich zukommt, die Hand nach dir ausstreckt, versuche darauf anzusprechen - es kostet uns mit ADHS unglaublich viel, aus der Scham heraus wieder in Kontakt zu treten. Bitte honoriere das, wenn du kannst.

  • Scham, Schuld und schlechtes Gewissen sind die miserabelsten Motivatoren, die es gibt. „Willst du recht haben oder glücklich sein? Beides zusammen geht nicht.“ (Zitat von Marshall Rosenberg)

  • wie viel hat sich bei dir schon aufgestaut? Wenn du ganz ehrlich bist, hat dein Gegenüber überhaupt die Chance, es dir noch "recht zu machen" oder hat sie es bereits total vergeigt mit dir? Wenn das der Fall ist und du die Beziehung weiter aufrechterhalten willst oder dies notwendig ist, hol dir bitte professionelle Unterstützung.

Ein leichterer, gesünderer Umgang mit ADHS: weniger Vorwürfe, mehr Sicherheit, Klarheit, Vertrauen und Selbstvertrauen


Genauso wie wir leicht in die Abwärtsspirale geraten und uns in ungesunden Dynamiken verrennen, genauso können wir mit kleinen Schritten in die richtige Richtung einen leichteren, gesünderen Umgang miteinander entwickeln.


Oft sind es kleine Veränderungen, die bei gutem Willen auf beiden Seiten schnell zu grossen positiven Effekten führen. Von denen alle profitieren.


Ich hoffe, dass die Informationen und Lösungs-Anleitungen zu weniger Vorwürfen und dafür mehr Sicherheit, Klarheit, Vertrauen und Selbstvertrauen führen.


Und zu mehr Leichtigkeit und Spass.


Ich drücke von Herzen die Daumen und freue mich wie immer über Feedback.

 

Referenzen:


Lying: Gibt es gute Lügen?, Sam Harris, Kindle Edition, Amazon 2012. Webseite des Autors


Neurocognitive and behavioral predictors of social problems in ADHD: A Bayesian framework. Kofler MJ, Harmon SL, Aduen PA, Day TN, Austin KE, Spiegel JA, Irwin L, Sarver DE. Neuropsychology. 2018 doi: 10.1037/neu0000416 Link zur Publikation mit interessanten Erkenntnissen zum Arbeitsgedächtnis bei ADHS und dem Einfluss auf soziale Probleme


Working memory and short-term memory deficits in ADHD: A bifactor modeling approach. Kofler MJ, Singh LJ, Soto EF, Chan ESM, Miller CE, Harmon SL, Spiegel JA. Neuropsychology. 2020 doi: 10.1037/neu0000641 Link zur Publikation über Probleme mit dem Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis bei ADHS


Difficulties of children with symptoms of attention-deficit/hyperactivity disorder in processing temporal information concerning everyday life events. Mioni G, Capodieci A, Biffi V, Porcelli F, Cornoldi C. J Exp Child Psychol. 2019 doi: 10.1016/j.jecp.2019.01.018 Link zur Publikation über die Schwierigkeiten, mit ADHS zeitliche Abfolgen richtig zu erinnern und Zeitspannen richtig einzuschätzen

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