Versuchst du weiterhin ein neurotypischer "Muggel" zu sein? Selbstakzeptanz lässt dein ADHS zaubern

Aktualisiert: 2. März

Hast du dein ADHS Selbst mit all seinen Stärken und Schwierigkeiten und den notwendigen Anpassungsleistungen akzeptiert? Oder versuchst du weiterhin, als neurotypischer "Muggel" durchzugehen, indem du dich immer mehr bemühst, "einfach normal zu sein", "dich besser zu organisieren", "einfach mal entspannt zu sein", "dich endlich mal zusammenzureissen"?


Das ist ein nicht zu gewinnender Kampf - du wirst nicht endlich doch noch neurotypisch. Selbstakzeptanz hingegen gewinnt und lässt dich in deiner Einzigartigkeit aufblühen. Dank Selbstakzeptanz kann dein ADHS (be)zaubern. So einfach ist das. Aber nicht leicht.

Nicht neurotypisch kein Muggel sondern ein ADHS Zauberer dank Selbstakzeptanz

Alle Medikamente, Coaches und Therapien der Welt werden dich nicht neurotypisch machen - du wirst kein Muggel


ADHS ist eine entwicklungsbedingte Veränderung des Gehirns. Sie kann nicht "repariert" werden. Wie stark du davon betroffen bist, schwankt im Laufe deines Lebens.


Aber selbst mit den besten Behandlungsmethoden wird dein Gehirn anders bleiben. Wie das Sprichwort schon sagt: Pillen allein schaffen keine Skills (pills don't build skills). Mit Medikamenten allein ist es nicht getan. Hier kommen Coaching und manchmal auch Therapie ins Spiel. Umgekehrt kann dich der beste Coach oder Therapeut oftmals nur dann optimal unterstützen, wenn du die richtige Art und Menge an Medikamenten einnimmst.


Doch auch mit der besten Behandlung: du wirst nicht "endlich" neurotypisch.


Der Aufbau von Skills ist wie ein Upgrade deiner Software


Wenn du Fertigkeiten aufbaust, verändert sich deine Gehirnverdrahtung. Es ist wie eine Software-Aktualisierung, nur dass du die Software selbst entwickeln musst. Es ist also ein langer und langsamer Prozess, der viele Wiederholungen erfordert. Dank der Gabe der Neuroplastizität ist dein Gehirn jedoch in der Lage, sich zu verändern. Das ist der Grund, warum Coaching funktioniert.


Deine Hardware und dein Betriebssystem hingegen bleiben gleich. Und es unterscheidet sich von dem der Neurotypischen. Egal wie sehr du dich anstrengst, du wirst kein stärkerer Muggel werden. Es ist so, als ob wir auf Linux laufen, während der Rest der Welt auf Windows und macOS läuft. Das Zusammenspiel ist oft ein bisschen kompliziert.


Selbstakzeptanz hilft dir, der Realität ins Auge zu sehen - ja, es ist manchmal kompliziert (mit uns), aber wir können uns nicht einfach in Neurotypische verwandeln, weil das vermeintlich für alle einfacher wäre.


Deine einzigartigen ADHS Probleme sind keine Charakterschwächen - selbstakzeptanz hilft


Wir mit ADHS sind für unsere Umwelt oft ein Rätsel. Warum können wir in einer Sache gut und in der nächsten miserabel sein (Stichwort: Interesse)? Warum können wir ein und dieselbe Sache in einer Situation gut machen und in einer anderen nicht (Stichwort: Situationsvariabilität)? Warum vergessen wir Dinge, Daten, Aufgaben, den Geburtstag unseres Kindes oder sogar unseren eigenen Geburtstag (Hinweis: Probleme mit dem Arbeitsgedächtnis)? Warum sind wir bei manchen Dingen emotional sehr empfindsam und bei anderen ahnungslos (das ist mir immer noch ein Rätsel; wenn du einen Hinweis hast, schreib mir bitte)?


Für die Aussenwelt sehen wir oft so aus, als würden wir uns nicht anstrengen oder als wären wir einfach nur faul, dumm oder gefühllos. Als hätten wir einfach einen schlechten Charakter. ADHS darf natürlich niemals eine Entschuldigung für Gewalt sein, aber die alltäglichen Probleme, mit denen wir neurotypischen Menschen das Leben schwer machen, werden durch unsere Neurobiologie erklärt. Wir sind keine schlechten Menschen. Wir geben uns wirklich Mühe. Wir lieben unsere Mitmenschen sehr.


Der Schlüssel zum Ausstieg aus der Schamspirale liegt darin, unsere ADHS-Probleme zu verstehen, sie als das zu akzeptieren, was sie sind, und für Anpassungsmöglichkeiten und Unterstützung einzutreten. Selbstakzeptanz ist der erste Schritt.


Als Nächstes kann es passieren, dass du feststellst, dass du Urteile von Menschen in deinem Leben toleriert hast, die du jetzt nicht mehr akzeptieren willst. Aber das ist das Thema eines anderen Blogbeitrags.


Hör auf, deine Stärken zu vernachlässigen; fang an, sie zu feiern


In meiner Coaching-Praxis ertappe ich Menschen mit ADHS oft dabei, wie sie ihre Stärken verleugnen. Das passiert auch mir immer noch. Weil wir so sehr mit dem zu kämpfen haben, was anderen leicht fällt, scheinen wir zu denken, dass alles, was uns leicht fällt, unmöglich viel wert sein kann. Das ist ein gravierender Denkfehler, der uns dazu prädestiniert, ausgenutzt zu werden. Lass mich das erklären.


Solange wir uns für "minderwertig" halten und meinen, alles kompensieren zu müssen, was man uns vorwirft (langsam / faul / dumm / gefühllos usw.) und wir nicht erkennen, wie viel Wert wir mit unseren Stärken schaffen, können wir leicht dazu verleitet werden, immer mehr und mehr von dem zu tun, was uns leicht fällt. Ich glaube, das ist eine der Ursachen für Burnout am Arbeitsplatz und für Erschöpfung im Privatleben von ADHSlern.


Unsere Gehirne (alle Gehirne) neigen zu Negativität, deshalb kann es schwer sein, zu bemerken, wo wir so richtig rocken. Die Mühe lohnt sich aber allemal. Ein Anfang kann der kostenlose VIA-Charakterstärketest sein. Oder schreib mir, dann schicke ich dir ein Arbeitsblatt zur Stärkenanalyse, mit dem du mehr herausfinden kannst.


Unsere Stärken zu erkennen und uns selbst Wertschätzung für das zu geben, was wir leicht und gut können, ist lebenswichtig. Nur so können wir unsere ADHS Stärken zum tragen bringen. So können wir unser Potential leben, zaubern und bezaubern. Es klingt einfach, aber für viele von uns ist es eine schwierige Umstellung. Je mehr du übst, desto besser wird dein Gehirn darin, das Positive zu erkennen.


Wie dieser Blogbeitrag zeigt, sind wir für Neurotypische (und auch für andere ADHSler) manchmal ganz schön anstrengend. Für Neurotypische ist es oft leicht, all unsere Probleme zu erkennen und uns zu verurteilen. Was oft unbemerkt bleibt und einfach als selbstverständlich hingenommen wird, ist der einzigartige Wert, den wir dank unserer Stärken wie Kreativität, Enthusiasmus, Spontaneität, Freundlichkeit und Versöhnlichkeit für unsere Beziehungen haben. Unsere Stärken ins Rampenlicht zu rücken, kann die Dynamik in einer Beziehung verändern.


Wie erwischst du dich dabei, dass du deine ADHS Stärken einsetzt, mit ihnen (be)zauberst und vielleicht sogar stolz auf dich bist? Wenn du das tust, nimm dir bitte einen Moment Zeit, um es auf dich wirken zu lassen und den Moment wirklich auszukosten. Unser Gehirn braucht die zusätzliche Aufmerksamkeit für das Positive, um es zu verankern. Lass den Moment strahlen.

 

Referenzen:


Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD.

Kooij JJS, Bijlenga D, Salerno L, Jaeschke R, Bitter I, Balázs J, Thome J, Dom G, Kasper S, Nunes Filipe C, Stes S, Mohr P, Leppämäki S, Casas M, Bobes J, Mccarthy JM, Richarte V, Kjems Philipsen A, Pehlivanidis A, Niemela A, Styr B, Semerci B, Bolea-Alamanac B, Edvinsson D, Baeyens D, Wynchank D, Sobanski E, Philipsen A, McNicholas F, Caci H, Mihailescu I, Manor I, Dobrescu I, Saito T, Krause J, Fayyad J, Ramos-Quiroga JA, Foeken K, Rad F, Adamou M, Ohlmeier M, Fitzgerald M, Gill M, Lensing M, Motavalli Mukaddes N, Brudkiewicz P, Gustafsson P, Tani P, Oswald P, Carpentier PJ, De Rossi P, Delorme R, Markovska Simoska S, Pallanti S, Young S, Bejerot S, Lehtonen T, Kustow J, Müller-Sedgwick U, Hirvikoski T, Pironti V, Ginsberg Y, Félegyházy Z, Garcia-Portilla MP, Asherson P. Eur Psychiatry. 2019 doi: 10.1016/j.eurpsy.2018.11.001 Link zur Publikation

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