Sind Menschen mit ADHS beziehungsunfähig?

Aktualisiert: vor 14 Stunden

Die Statistiken über ADHS Beziehungen sind erschreckend: es scheint, als seien ADHS Partnerschaften zum Scheitern verurteilt.


ADHS Merkmale wie

  • Impulsivität

  • Unaufmerksamkeit

  • emotionale Dysregulation und

  • Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung

können durch unsichere Bindungsstile noch verschlimmert werden.


Dass Menschen mit ADHS sich oft Partnerinnen und Partner mit ADHS suchen, macht die Sache noch komplexer.


Oft können "alltägliche Grausamkeiten" eine Beziehung zermürben, bis sie zerbricht.


Für Betroffenen ist es essentiell, das eigene ADHS zu verstehen und anzuerkennen und solide Bewältigungsstrategien zu entwickeln.


Für Partnerinnen oder Partner ohne ADHS kann ADHS Wissen ebenfalls entlasten, genauso wie die Anerkennung, dass das Leben mit jemandem mit ADHS echt anstrengend sein kann.


Lasst uns an unserer Beziehungsfähigkeit arbeiten, damit auch Menschen mit ADHS die Chance haben, glückliche und gesunde Beziehungen auf Augenhöhe aufzubauen und ein erfülltes Leben zu führen.


Am Ende des Posts findest du unterstützende Ressourcen - denn positive Veränderung ist in jedem Alter möglich - wir sind nicht "einfach beziehungsunfähig".

ADHS beziehungsunfähig Partnerschaft anstrengend Nähe Distanz Problem

Wissen ist Macht - auch wenn es weh tut


Dieser Beitrag mag eine harte Lektüre sein, aber ich glaube fest daran, dass Wissen Macht ist. Sobald wir unsere ADHS Beziehungsprobleme und Beziehungsdynamik verstehen, können wir die Skills aufbauen, die wir brauchen, um aufzublühen.


Mach dich auf einige schmerzhafte Fakten gefasst. Lies dann bitte weiter, um zu erfahren, warum es allen Grund zur Hoffnung gibt. Nämlich daran zu glauben, dass wir die Widrigkeiten meistern und ein glückliches, erfülltes Leben führen können, das auch mit ADHS erfüllende Beziehungen einschliesst. Denn wir sind nicht einfach beziehungsunfähig und wir können sehr wohl unsere Beziehungsfähigkeit verbessern.


Doch jetzt erst mal zu den schwerverdaulichen Tatsachen über ADHS Beziehungen.


Scheidung, Einsamkeit, Gewalt in der Partnerschaft - lass dich von den Statistiken nicht abschrecken


Die Forschung zeigt, dass Erwachsene mit ADHS signifikant häufiger Single (1) oder geschieden (2) sind und häufiger mehrfach heiraten (3) als Menschen ohne ADHS.


Erwachsene mit ADHS haben auch ein erhöhtes Risiko, sich einsam zu fühlen - wobei die Schwere der ADHS Symptome mit der Intensität der Einsamkeit korreliert (4).


Es kommt noch schlimmer: Eine Vorgeschichte von ADHS und aktuell erhöhte ADHS-Symptome scheinen Risikofaktoren für Gewalt in der Partnerschaft zu sein: sowohl als Täter wie als Opfer (5).


"Alltägliche Grausamkeit" vergiftet Beziehungen - sie zu erkennen ist der erste Schritt


Für die meisten Menschen mit ADHS ist Gewalt in der Partnerschaft zum Glück kein Thema.


Dennoch prädisponieren uns ADHS Merkmale wie Impulsivität, Unaufmerksamkeit, emotionale Dysregulation und Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung zu dem, was der Therapeut und Autor Resmaa Menakem "alltägliche Grausamkeit" nennt (6).


Bei alltäglicher Grausamkeit werden wir entweder verbal beleidigend oder anklagend oder wir laufen - physisch oder emotional - vor dem Konflikt weg. Beide Verhaltensweisen sorgen dafür, dass wir uns vorübergehend besser fühlen (und wenn wir derjenige sind, der wegläuft, fühlen wir uns sogar noch unserem Partner gegenüber überlegen).


Die alltägliche Grausamkeit ermöglicht es uns oft, unseren Partner zu zwingen, sich zu fügen, oder ihn heimtückisch für etwas zu bestrafen, das er getan hat (oder wenn er ADHS hat, oft auch für etwas, das er vergessen hat zu tun).


Dieses Verhalten lässt uns bequem auf die "Missetaten" unseres Partners fokussieren, während es uns davon abhält, unseren eigenen Problemen ins Auge zu sehen.


Impulsivität, Unaufmerksamkeit, emotionale Dysregulation und Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung - der perfekte Sturm für eine Beziehung


Der Beziehungsforscher Dr. John Gottman (7) hat vier Verhaltensweisen identifiziert, die den Untergang einer Beziehung vorhersagen:

  • Kritik

  • Verachtung

  • Defensivhaltung und

  • Mauern (emotionales Weglaufen und emotionales Aussperren des Partners)

Wie Impulsivität, emotionale Dysregulation und Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung diese Verhaltensweisen begünstigen, ist leider allzu augenfällig.


Vielleicht weniger offensichtlich, aber nicht weniger schädlich sind die Auswirkungen der Unaufmerksamkeit.


Die Psychologieprofessorin Dr. Barbara Fredrickson hat intensiv untersucht, wie wir das Gefühl der Liebe erleben: was in unserem Körper und speziell in unserem Gehirn passiert und welche Bedingungen nötig sind, um das Gefühl zu erzeugen.


Laut Fredricksons Forschung führen

  • gemeinsam erlebte positive Emotionen

  • eine Einstimmung auf den anderen (mit daraus resultierenden Veränderungen in unserer Biochemie und unserem Verhalten) und

  • ein gegenseitiges, sichtbares Bemühen um das Wohlergehen des anderen

zu "positiver Resonanz", oder eben zum Gefühl der Liebe (8).


Die ADHS Unaufmerksamkeit kann jede dieser drei Voraussetzungen zunichte machen und die Liebe langsam verwelken und sterben lassen.


ADHS und unsichere Bindungsstile hängen zusammen - auch hier ist Erkenntnis der Schlüssel um den Kampf um Nähe und Distanz zu durchbrechen


Als ob das nicht schon genug wäre, hat die Forschung herausgefunden, dass Erwachsene mit ADHS eine viel höhere Wahrscheinlichkeit für unsichere Bindungsstile haben als die allgemeine Bevölkerung (9).


Unsichere Bindung ist natürlich mit weniger stabilen und weniger befriedigenden Beziehungen verbunden (10) und führen oft zu massiven Beziehungsproblemen, nicht nur in der Partnerschaft.


Unsichere Bindungsstile können zu einem zermürbenden Kampf um Nähe und Distanz führen.


Hierbei ist besonders perfide, dass sich die Person mit dem vermeidenderen Bindungsstil, die somit eher wegläuft, der Person mit dem ängstlicheren Bindungsstil, die somit eher Nähe sucht (oder die vermeidende Person "verfolgt"), oftmals überlegen fühlt. Das gibt eine toxische Dynamik, die allerdings durchbrochen werden kann, wenn die vermeidende Person ihren Anteil am Problem erkennt und daran arbeitet, am besten mit Hilfe einer Fachperson.


Aktuelle Forschung zeigt: gleich und gleich gesellt sich gern


Wer länger mit Menschen mit ADHS arbeitet, vermutet dies aufgrund der eigenen Beobachtungen schon länger, doch nun hat es auch eine Studie gezeigt: ADHS-Betroffene sind öfter mit ADHS-Betroffenen (jeweils mit oder ohne Hyperaktivität) verpartnert, mit teils verheerenden Folgen (mehr Gewalt in der Partnerschaft, mehr finanzielle Probleme) (11).


Die Lösung: unser ADHS verstehen und Selbsterkenntnis erlangen und aufbauen - Hinschauen Statt Kopf in den Sand stecken


Aber nun zu den guten Nachrichten: Das Bewusstsein über unseren Bindungsstil kann Wunder bewirken, um unsere vergangenen und aktuellen Beziehungsmissgeschicke zu verstehen.


Und Bindungsstile können verändert werden - es gibt den Begriff "verdiente sichere Bindung" wenn wir es uns erarbeitet haben, von einem unsicheren zu einem sicheren Bindungsstil zu wechseln (12).


Unser ADHS zu verstehen ist ebenfalls von grösster Bedeutung - nicht um es als Ausrede zu benutzen, um alltägliche Grausamkeiten wie verbales Ausrasten oder das Verkriechen im eigenen Kopf und das emotionale Ausschliessen unseres Partners zu rechtfertigen, sondern um Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen und mit einem Coach oder Therapeuten oder beidem zu arbeiten.


Tipps für Partnerinnen und Partner ohne ADHS


Wie gesagt, ADHS scheint sich oft mit ADHS zu paaren (11) und dieses wird ja bekanntlich immer noch oft erst im (fortgeschrittenen) Erwachsenenalter erkannt.


Für alle ohne ADHS hilft Wissen über ADHS enorm, das Verhalten der betroffenen Partnerinnen und Partner besser einschätzen zu können.


Wichtig ist es auch anzuerkennen, dass das Leben mit ADHSlern anstrengend ist, besonders wenn noch Kinder mit im Spiel sind, die auch ADHS haben. Die Last die auf den Nicht-Betroffenen liegt ist oftmals gross (13). Die Unterstützung durch eine erfahrene Coach oder Therapeutin kann sich lohnen, um die eigenen Bewältigungsstrategien zu stärken und die Selbstfürsorge nicht zu vergessen.


Solide Bewältigungsstrategien aufbauen hilft nicht nur der Partnerschaft sondern allen Beziehungen


Wir können - und ich glaube, wir müssen - als ADHS Betroffene solide Bewältigungsstrategien für jede unserer Eigenschaften wie Impulsivität, Unaufmerksamkeit, emotionale Dysregulation und Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung aufbauen. Ich werde auf jeden dieser Punkte in zukünftigen Blogbeiträgen näher eingehen.


Auch möchte ich aufgrund einer aktuellen Publikation einen potentiell kontroversen Punkt aufbringen, nämlich dass es sich durchaus lohnen kann, als Betroffene oder Betroffener ADHS Medikamente zu nehmen, um die Beziehung zu retten oder zu entlasten (13). Ich bin keine Ärztin und kann keinen medizinischen Rat geben und selbstverständlich ist es immer die Entscheidung des Individuums mit ADHS und der behandelnden medizinischen Fachperson ob Medikamente das Richtige sind. Doch wie es in der Publikation etwas umständlich steht: "die Behandlung von ADHS mit Medikamenten, insbesondere Stimulantien, hat sich als erfolgreich bewiesen, um die ADHS Symptome bei Erwachsenen zu reduzieren" (13).


Manchmal fällt es uns leichter, die Hilfe (z.B. von Medikamenten) anzunehmen, wenn die Hilfe nicht nur uns zugutekommt.


Lass uns gemeinsam daran arbeiten, die miserablen Beziehungsstatistiken unserer Community von kreativen, wundervollen, quirligen Menschen zu ändern - lass uns entgegen aller Prognosen die Skills für erfüllende Partnerschaften auf Augenhöhe erarbeiten.


Denn Menschen mit ADHS sind nicht "einfach beziehungsunfähig".


Ressourcen für ein leichteres Leben in Beziehung


Ich hab einen separaten Post darüber geschrieben, was uns daran hindern kann, mit ADHS gleichzeitig anpassungsfähig und authentisch zu sein, wie das unsere Beziehungen beeinflussen kann und welche Skills uns - und unseren Beziehungen - helfen.


Dieser Post hilft dir, wenn du Ausraster und Probleme mit deiner Impulsivität hast - beispielsweise, weil du dich überfordert fühlst, überreizt bist oder dich zurückgewiesen fühlst, also emotional dysreguliert bist. Natürlich mit praktischen Tipps.


In diesem Post geht es allgemein um Emotionsregulation bei ADHS und wie du am besten mit komplexen Gefühlen klarkommst. Die Checkliste, die dir beim Üben hilft, kannst du hier kostenlos direkt zum Herunterladen bestellen: Checkliste Emotionsregulation


Auch wird Menschen mit ADHS oft vorgeworfen, wir würden lügen. Was es damit auf sich hat, warum die meisten ADHS "Lügen" gar keine sind und wie Betroffene und das Umfeld am besten damit umgehen, dazu gibt es einen separaten Post. Mit praktischer Lösungsanleitung für einen gesunden Umgang auf Augenhöhe.

 

Referenzen:

  1. Lensing MB, Zeiner P, Sandvik L, Opjordsmoen S. Quality of life in adults aged 50+ with ADHD. J Atten Disord. May 2015 doi: 10.1177/1087054713480035. Link

  2. Biederman J, Faraone SV, Spencer TJ, Mick E, Monuteaux MC, Aleardi M. Functional impairments in adults with self-reports of diagnosed ADHD: A controlled study of 1001 adults in the community. J Clin Psychiatry. Apr 2006 doi: 10.4088/jcp.v67n0403. Link

  3. Murphy K, Barkley RA. Attention deficit hyperactivity disorder adults: comorbidities and adaptive impairments. Compr Psychiatry. Nov-Dec 1996 doi: 10.1016/s0010-440x(96)90022-x. Link

  4. Stickley A, Koyanagi A, Takahashi H, Ruchkin V, Kamio Y. Attention deficit /hyperactivity disorder symptoms and loneliness among adults in the general population. Res Dev Disabil. Mar 2017 doi: 10.1016/j.ridd.2017.01.007. Link

  5. Wymbs BT, Dawson AE, Egan TE, Sacchetti GM. Rates of Intimate Partner Violence Perpetration and Victimization Among Adults With ADHD. J Atten Disord. Jul 2019 doi: 10.1177/1087054716653215. Link

  6. Resmaa Menakem, Rock the Boat: How to Use Conflict to Heal and Deepen Your Relationship, 2020 Link zur Website des Autors Resmaa Menakem

  7. Link zum Artikel des Gottman Instituts (auf englisch)

  8. Barbara Fredrickson, Love 2.0: How Our Supreme Emotion Affects Everything We Feel, Think, Do, and Become; Link zu englischem Blogpost von Maria Popova über das Buch

  9. Storebø OJ, Rasmussen PD, Simonsen E. Association Between Insecure Attachment and ADHD: Environmental Mediating Factors. J Atten Disord. Feb 2016 Feb doi: 10.1177/1087054713501079. Link

  10. Mohammadi K, Samavi A, Ghazavi Z. The Relationship Between Attachment Styles and Lifestyle With Marital Satisfaction. Iran Red Crescent Med J. Jan 2016 doi: 10.5812/ircmj.23839 Link

  11. Steele CM, Wymbs BT, Capps RE. Birds of a Feather: An Examination of ADHD Symptoms and Associated Concerns in Partners of Adults with ADHD. J Atten Disord. Jan 2022 doi: 10.1177/1087054720978553 Link

  12. Excellent and practical explanation in this post by Hal Shorey, Finding a Secure Base and Rewiring Your Personality, Psychology Today, 2015 Link

  13. Wymbs BT, Canu WH, Sacchetti GM, Ranson LM. Adult ADHD and romantic relationships: What we know and what we can do to help. J Marital Fam Ther. Jul 2021 doi: 10.1111/jmft.12475. Link


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